Sa 20 Mai 2006
Die gute Kybernetik schlechter Schulpolitik an einer Grundschule
Posted by andreas.mertens under Allgemein, Kybernetik
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Wir wollen den tristen, harten, in betongrau gegossenen Schulhof unserer Kinder freundlicher gestalten. Weich, kreativ, mit Grün herum.
Kein Geld in den Haushaltskassen. Woher nehmen, wenn nicht stehlen ?
Die Wände in den Klassen sind nach Jahren einer Renovierungsabstinenz mittlerweile so dreckig und versaut, das sie es dringend nötig haben, wieder einmal gestrichen zu werden.
Kein Geld. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Der Staat ist Pleite! Das weiss doch jeder.
Für die Reinigungsdienste ist nur soviel Geld vorhanden, das nur schnell im Affentempo die Bodengroßflächen geputzt werden. Husch, husch, drübergeputzt! Ecken putzen? Kostet doch zu viel Zeit und damit zu viel Geld! Unter Regalen putzen? Zu viel Zeit = zu viel Geld! Einen Tisch, ein Regal verrücken, damit man da besser putzen kann? Zu viel Zeit = zu viel Geld! Ihr wisst doch, der Staat hat für die Instandhaltung der Bildungsumgebung seiner Kleinbürger kein Geld!
Wie sieht das mit den repräsentativen Staatsgebäuden in Berlin aus? Hochglanz, blitzeblank poliert, tägliche Reinigungsdienste, Ledersessel, alles vom Feinsten ….. Man muss – Entschuldigung ich meinte Politiker müssen – eben Prioritäten setzen. Und außerdem muss man erstmal mit dem neuen Hochschulgesetz die maroden Strukturen an Hochschulen sanieren! Top-Down, statt Bottom-Up. Vielleicht kommen wir an den Grundschulen nie an, geschweige denn an den Kindergärten! Bis dahin ist das Geld eh alle :-)
Deutschland, Deutschland, das Land mit dem Jammern auf höchstem Niveau! Wie sieht es denn in anderen Ländern aus? Vieeel schlimmer. Uns geht es ja noch richtig gut! Jawohl! Aber wir wissen ja, es hat immer Alles zwei Seiten! Ist das Glas halb voll, oder halb leer … ?
Aufgeklärte Eltern suchen da ja schon die richtige Schule für Ihre Kinder aus. Zum Beispiel die Dieserwegschule in Wiesbaden, welche nach einem Maria Montessori-Konzept arbeitet. Modern eingestellt, etwas “andersdenkend”, Integrationsklassen, starker Förderverein, eine engangierte Lehrer- und Elternschaft, ….
Und vor allem eine konstruktivistischdenkene “Teil-der-Welt”-Gesellschaft! Wir machen uns unsere eigene Schule! Wie war das mit der Schulhofneugestaltung? Beton aufreißen, Spielgeräte aufstellen. Viel viel Grünes pflanzen! Ja da muss Geld her, und zwar nicht wenig, 30.000 € bis 90.000 € – kein Pappenstil für eine Schule – für die Anderen Geld aus der Portokasse! Egal. Wie macht man das nun, wie bekommt man so viel Geld für eine Schulhofneugestaltung. Man verbindet würde ich sagen, nach dem Teil-der-Welt-Prinzip ! Die Lehrer und Eltern veranstalteten einen Sponsorenlauf! Die Kinder laufen für die Neugestaltung ihres Schulhofs. Jeder Sponsor zahlt x Euro für jede geschaffte 400m-Runde eines Kindes. “Wieviel Runden schafft eigentlich so ein Grundschulkind?”, war die erste Frage bei der Suche nach Sponsoren in der Bekanntschaft und in der Familie bei Opa und Oma! Im zweiten Schritt kamen schon andere Fragen von Omas und Opas. Für was soll das sein? Für die Schulhofneugestaltung- bzw. Sanierung? Sollte das nicht eigentlich der Staat bezahlen? Wozu zahlen wir eigentlich nochmal Steuern – Ich hab’s vergessen ….. Aber eine konstruktivistischdenkende “Teil-der-Welt”-Lehrer- und Elternschafft lässt sich doch durch solche Kleinigkeiten nicht aufhalten.
Der Tag des Sponsorenlaufes kam! Toll! So viel kleine Knirpse, die mit so viel Engagement und Begeisterung und Freude für ihre Schule laufen. Das war wirklich einmalig. Wie war das nochmal? 10 € pro Runde? Wieviele Runden schafft nun ein Grundschulkind ? Okay! Eine Runde, zwei Runden, drei Runden , …, sechs Runden, sieben Runden, … (10×7=70€ pro Oma pro Kind), …, acht Runden, neun Runden, …. wieso Laufen die denn so begeistert – achja für ihren Schulhof …., stop stop so war das nicht geplant! Macht die Omas und Opas nicht arm, …. vierzehn Runden. Jawohl. VIERZEHN RUNDEN! Wie bringt man das nun jetzt der Oma bei …. Egal, Hauptsache ein weiterer Schritt zur Schulhofneugestaltung lief über die Bühne und spült erstmal Geld für die Materialien rein.
Um es abzukürzen …. die weitere Sponsorensuche bei Banken, Baumärkten usw. war auch nicht so einfach! Aber letztlich trafen sich an einigen Wochenenden im letzten Jahr viele viele Eltern mehrerer hundert Schüler. Und die legten dann Hand an und gestalteten nach professioneller Anleitung den Schulhof neu. Arbeiten, Essen, Trinken, Schüler, Lehrer und Kinder arbeiteten an ihrem Schulhof mit viel viel Freude daran. Das baut natürlich viele Bezüge auf zwischen Eltern und Schule, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Kindern und ihrem Schulhof. Zwischen Eltern und Eltern! Kurz: Eine ganz ganz tolle Sache. Und das Alles dank leerer Haushaltskassen.
So auch die Initiative einen Schul-Eltern-Kinder-Lehrer-Streich-Die-Wände-Samstag zu veranstalten. Schwups die Wups … Alles weiß, Alles, sauber, mit vereinten Kräften an einem Wochenende.
Die Kinder streichen die Wände ihrer Schule (!) Das erlaubt den Kindern eine “Ein-Teil-der-Welt”-Anschauung aufzubauen. Oder genauer eine “Ich-Bin-Teil-Meiner-Schule-Welt”, ich kann die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Nun ist es so, das dies Alles einer “konstruktivistischdenkenden Teil-der-Welt-Eltern-Kinder-Lehrer-Gemeinschaft” sehr sehr einfach fällt und das ist auch gut so. Und ich bin auch froh, das ich zu diesem Teil der Gesellschaft gehöre. Wie ist es aber mit dem anderen Teil?
Als ich aufgrund jüngster Integrationsdiskussionen und Gewaltübergriffe durch Schüler auf Lehrer an Berliner Hauptschulen ein Interview mit folgendem Inhalt im Fernsehen sah, war ich schockiert. Ein ca. 12 Jähriger Junge schilderte ganz offen, das er ja sowieso wisse, das er mit seinem zu erreichenden Hauptschulabschluß für Nichts gebraucht wird und keinerlei Perspektive hat. Die Aussage hier ist doch: Ich bin Nicht-Teil-Der-Gesellschaft und eigentlich will ich aber “Teil-der-Welt/der-Gesellschaft” sein. Was kann man denn von solchen Jugendlichen noch erwarten? Und die Lehrer wie Eltern sind hilflos.
Ich glaube hier gibt es wirklich nur eine Chance, um aus dem Dilemma steigender Kriminalität und Gewalt herauszukommen und die lautet: Helft den Lehrern und Eltern, sodaß sie sich selbst helfen können und damit den Kindern. Kinder müssen wieder den Sinn im Leben erkennen und dafür müssen sie auch tatsächlich von der Gesellschaft gebraucht werden. Sie wollen für etwas gut sein!
Liebe Bildungspolitiker: greift in die Schulpädagogik so ein, das Lehrer methodisch dazu befähigt werden, Kindern und Jugendlichen wieder einen Sinn im Leben zu geben. Schafft dafür die Voraussetzungen und stellt die Ressourcen bereit und sorgt dafür, das ein Schulabgänger von der Gesellschaft annerkannt wird.
Achja! Und bitte keine schönen Verpackungen mehr wie eine SchulgarantiePlus. Eine Grantie für eine Garantie oder sowas, die scheinbar nur eine Verpackung ohne Inhalt ist?
Das durchschauen selbst 12-Jährige Hauptschüler. Was übrigens dafür spricht, das diese Menschen gar nicht so “dumm” sind und dort Potential ist. Es lohnt sich! Aber nur, wenn man weiter als eine Legistaturperiode lang denken kann.
