Sa 2 Sep 2006
Was ist Kybernetik? oder (!) was macht ein Kybernetiker (!) oder wie macht etwas ein Kybernetiker?
Posted by andreas.mertens under Kybernetik
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“Was ist eigentlich Kybernetik, Andreas?”, fragen mich oft Freunde und Bekannte. Das Wort selbst kommt jedenfalls von Kybernetes (griech. Steuermannskunst) und in unserer Zeit wurde es durch Norbert Wiener und den Macy-Konferenzen geprägt. Was aber ist Kybernetik? Tja, die Frage ist für mich als Kybernetiker und Konstruktivist gar nicht so leicht zu beantworten. Vielleicht deshalb, weil ich vermute, das die Leute von mir als Kybernetiker erwarten, das ich dann mit einer “absoluten, objektiven” knappen und präzisen Definition der Kybernetik komme. Aber das ist ja nicht der Fall. Zum einen bin ich EIN Beobachter von VIELEN Beobachtern. Somit habe ich mein Verständniss, mein Konstrukt von Kybernetik. Zum anderen gibt es ja schon seit längeren Bestimmungsversuche der Kybernetik. Ob es nun Heinz von Foerster, Gregory Bateson oder Ernst von Glaserfeld ist – sie alle beschrieben ihr EIGNES Konstrukt von der Kybernetik (siehe auch Beats Biblionetz zu Kybernetik oder auch hier). Streng genommen ist damit der Titel
“Was ist Kybernetik? oder (!) was macht ein Kybernetiker (!) oder wie macht etwas ein Kybernetiker?” falsch.
besser wäre:
“Was ist für mich Kybernetik? oder (!) was mache ich als Kybernetiker (!) oder wie mache ich etwas als Kybernetiker?”
Jedesmal also, wenn in diesem Text “Der Kybernetiker ….” steht, steht dort implizit auch “Ich, Andreas, als Kybernetiker, ….” Ich merke gerade, beim Reflektieren über mein Geschriebenes, das dies eine Weile braucht und geübt werden muss :-)
Praktisch, so meine Reflektion, ist dabei, dass ich damit auch die Sache mit dem Wort KybernetikerInnen erledigt habe, wobei ich nicht meine das es keine KybernetikerInnen gibt, wie z.B. Monika Broecker (siehe auch Teil der Welt).
Trotz allem breche ich bei der Frage “Was Kybernetik nun sei?” den Dialog nicht ab.
Antwortversuche wie: “Kybernetik ist überall gegenwärtig. Auch gerade im Hier und Jetzt wirkt sie in unserem Frage/Antwortkonstrukt” wirken ein wenig esoterisch, übergeordnet. Damit können die Leute oftmals nichts anfangen oder eher gesagt nicht mit umgehen. Obwohl es stimmt (!) Ob wir Auto auf der Autobahn fahren, Einparken, Lesen, uns eine Tasse Kaffee oder Tee einschenken oder einfach nur stehen (!) oder laufen:
A man walking is never in balance but always correcting for imbalance (Gregory Bateson)
Hier wirkt immer ein zielgerichteter Regelkreis, der fortwährend eine Abweichung zwischen aktuellen Zustand und Zielzustand ermittelt und nachsteuert. Ein weiteres Wesen der Kybernetik, die Emergenz, ist ebenfalls allgegenwärtig. Z.B. bei einem total unkoordinierten, chaotischen Umzug. Die eingeladenen Freunde zum Tragen kommen nicht pünktlich, jeder kommt wann er will, die Umzugskartons sind nicht gepackt, heilloses Durcheinander und Chaos. Aber letztendlich klappt es doch immer, oder? Okay, mal mit mehr, mal mit weniger Streß. Solltet ihr allerdings einmal die Chance haben, mit entspannten unkoordinierten Freunden umzuziehen, scheinbar ohne Planung, dann beobachtet doch einmal die Selbstorganisation dessen was passiert. Und dann wundert Euch einfach nur, das es trotzdem funktioniert: Emergenz (!).
Antwortversuche wie: “Die Kybernetik ist eine Wissenschaft, ein meta-disziplinäres Gebiet, deren Anwendung interdisziplinär Gebiete miteinander vernetzen kann” kommen oft zu abstrakt und zu akademisch.
Ein Verweis auf “An Introduction to Cybernetics” von Ross Ashby würde alle Nicht-Mathematiker ebenfalls schockieren.
Mir erscheint es so, das Kybernetik deshalb heute so unfassbar ist und gerade deshalb eine solche
Anziehungskraft besitzt, weil die Kybernetik so unfassbar ist. Gerade deshalb, so glaube ich, ist aus der Kybernetik auch das geworden was sie heute ist, das macht sie so interessant, fesselnd, so faszinierend, das macht gerade die Magie der Kybernetik aus. Hätte sich die Kybernetik wie andere Wissenschaften entwickelt, dann hätten wir heute, so denke ich, nicht die “interdisziplinären” Ausprägungen: Technische Kybernetik, Biokybernetik, Managementkybernetik, Soziokybernetik, Psychokybernetik, …
Trotz allem fällt es schwer in wenigen Sätzen zu formulieren, was Kybernetik ist. Es scheint, das alle Erklärungsprinzipien oder Bestimmungsversuche mehr oder weniger scheitern. Und trotzdem ist die Kybernetik fassbar, oder vielleicht er-fahrbar. Deshalb habe ich angefangen auch keine Erklärungsversuche mehr zu unternehmen “Was Kybernetik sei”, sondern ich möchte die Menschen Neugierig machen, sodaß Sie anfangen sich intensiver mit der Kybernetik zu beschäftigen, auseinanderzusetzen, ja, die Kybernetik zu er-fahren. Deshalb auch die Intention von Sedat und mir, im letzten Jahr ein Artikel für die LO darüber zu schreiben, WIE man Kybernetik er-leben und er-fahren kann, anstatt darüber zu schreiben “WAS” Kybernetik sei. Mir erscheint diese Vorgehensweise vorteilhafter.
So habe ich selbst, als Informatiker, der bereits vorher Zugang zu kybernetischen Konstrukten wie Regelkreise aus der Regeltechnik hatte, er-fahren was Kybernetik ist, als ich mich mit Personen wie Heinz von Foerster, Jay Forrester, Stafford Beer, Richard Bandler, Virgina Satir, … et cetera et cetera und deren Lebenswerke beschäftigt habe. AHA (!) Da war es wieder das “et cetera, et centera” und das “AHA” von HvF, das ich so liebe. Ich möchte also in dem Artikel eher von dem WIE berichten, oder von dem “WAS macht der Kybernetiker”, anstatt einen allumfassenden Erklärungsversuch zu starten, was Kybernetik sei. Für mich gibt es u.a. folgende Konstrukte, die das Wesen der Kybernetik ausmachen:
- Verbinden und Lösen
- Zirkularität, Rückkoppplung und Rekursivität
- Selbstorganisation und Emergenz
- Anpassungsfähigkeit, Veränderung, Überlebensfähigkeit
- Wahrnehmung/Beobachter
Verbinden und Lösen
Im Sinne des interdiszipilnären Verbindens von Themen, Faktoren, Ereignissen, Menschen ist alles mit allem (jeder mit jedem) mehr oder weniger verbunden. Manchmal sind Dinge stark miteinander verbunden und die Verbindung wirkt, aber man sieht die Verbindung nicht und man wundert sich, warum etwas wirkt. Der Kybernetiker macht die Relationen sichtbar. Ist die Verbindung transparent, kann der Kybernetiker entscheiden ob er die Verbindung verstärkt oder abschwächt. Manchmal ist etwas schwar bis gar nicht verbunden, hier kann der Kybernetiker hinterfragen, was passieren kann, wenn die Verbin
dung verstärkt wird oder abgeschwächt wird. Beispiel: In der kybernetischen Analyse von Kommunikationsprozessen in einem Unternehmen, kann es sinnvoll sein, Kommunikation zwischen Menschen zu verstärken oder abzuschwächen. Durch entsprechende Maßnahmen kann man hier intervenieren. Der Kybernetiker ist bei der Veränderung von Verbindungen vorsichtig. Wie Betty Zucker in Ihrem Buch “Wissen gewinnt” schreibt, sind zum Beispiel räumliche Umstrukturierungen mit Personal bei Innovationsfirmen mit äußerster Vorsicht zu genießen. Falsche Umstruktuierungen können das Innovationspotential schwächen. Ein Kybernetiker ist sich bewußt, das Verbinden und Lösen/Trennen zirkuläre kybernetische Prozesse entstehen lässt oder aufheben kann. Der Kybernetiker ist sich der möglichen weitreichenden Systemauswirkungen bewußt.
Zirkularität, Rückkopplungen, Rekursivität
Zirkularität spielt eine besondere Rolle. Durch Verbindungsnetze entstehen Rückkopplungen. Durch
Rückkopplungsnetze entstehen Systeme. Rückkopplungsnetze bestehen aus regulierenden und verstärkenden Schleifen, die Systemdynamik und Eigenwert eines Systems bestimmen. Funktionen die sich auf sich selbst anwenden bringen durch Rekursion nicht nur in virtuellen Welten, wie den Apfelmännchen, der Mandelbrotmenge Schönheiten zustande, sondern au
ch in der Natur, so z.B. bei jedem Baum, beim Romanesko oder beim Menschen. Bzgl. der Analyse, Modellierung und Simulation von zirkulären Strukturen ist Jay Forrester die Entwicklung von System Dynamics zu verdanken. Der mir beste und intensivste Zugang zum Thema findet man über die Roadmaps im SDEP (System Dynamics Education Project), welches meines Wissens von Jay Forrester am M.I.T. entwickelt wurde. Aus seinen Arbeiten über die Untersuchungen von urbanen Komplexitäten, entstand später das sog. System-Dynamics-World3-Modell, welches in den Büchern “Die Grenzen des Wachstums” und “Die neuen Grenzen des Wachstums” beschrieben wird. Mit etwas Übung sieht der Kybernetiker diese Strukturen in seinem Alltag.
Selbstorganisation und Emergenz
Aus Zirkularität, Rückkopplungen und Rekursivität sind nach meiner Ansicht wesentliche Elemente für die Autopoiesis, die Selbsterhaltung und Selbsterschaffung”lebender” Systeme (Humberto Maturana). Die Emergenz kybernetisch selbstorganisierter Projektteams ist für den “Zauber” verantwortlich die z. B. kleine Teams der OpenSource-Gemeinde vollbringen (siehe auch Emergente Softwareentwicklungsprozesse und http://www.apache.de/). Der Kybernetiker wundert sich immer wieder über diese phantastische Emergenz und lässt sie zu. Im Alltag schafft er Raum, sodaß sich durch Selbstorganisation eine positive Emergenz entwickeln kann.
Anpassungsfähigkeit und Veränderung
Auch diese beiden Begriffe bestimmen für mich das Wesen der Kybernetik mit. Kybernetische Systeme sind hochgradig anpassungsfähig durch Veränderung. Dadurch konnen Sie ihren Eigenwert erhalten und steigern ihre Überlebensfähigkeit.
Wahrnehmung/Beobachter
Die Sensorik und die Wahrnehmung spielen eine besondere Rolle. Ob es um die richtige Sensorik geht, um eine entsprechende Abweichung von einem Zielwert zu ermitteln, oder ob es um die Wahrnehmung geht das Richtige wahr-zu-nehmen. Kybernetische Systeme können auch ihre Wahrnehmung verändern, um letztlich mehr Handlungsoptionen zu haben. Letztlich dient dies ebenfalls dazu einen Eigenwert zu erhalten und die Überlebensfähigkeit zu sichern. Hier spielt der Begriff des Beobachters eine wichtige Rolle. Wer beobachtet was, wann und wie?

September 11th, 2010 at 00:17
die auf Druck der UNESCO verlangte wissenschaftliche Kybernetische Medizin siehe http://home.arcor.de/drsmit/Artikel/KybermedDDR.htm
auf biokybernetil.de.tc die wissenschaftlichen Ergebnisse einer in der DDR verfolgten Arbeitsgrupee. Es konnten vor der Wende noch ca. 200 000 funktionellchronich Kranke gerettet werden. Heute läßt sich ein Migräneanfall in 3 Sec nur mit der Hand stoppen.