Da wir (Sedat und ich) vor kurzen gebeten wurden, nächste Woche in einem Zukunftsforum etwas über IT-Value und Kybernetik vorzutragen, möchte ich vorab das Thema IT-Value-Management und Kybernetik über meinen Blog reflektieren. Die IT spielt in Unternehmen mittlerweile eine bedeutende Rolle. Heute funktioniert nahezu nichts mehr ohne IT. Im Großkonzernen schon lange. Aber auch die kleine Rechtsanwaltskanzlei oder der Handwerksbetrieb nebenan, die IT hat eine fast 100% ige Durchdringung. Und das nicht nur im wirtschaftlichen Bereich. Im privaten Bereich bzw. im Freizeitbereich hat die IT ebenfalls eine hohe Durchdringung. Dies bringt die Frage des Wertes der IT, den IT-Value ans Licht. Konzerne versuchen, mehr oder weniger gut, über das IT-Controlling, dem IT-Performance-Management oder dem IT-Value-Management den Wert der IT zu messen, um dann die IT zu managen. Hier dienen klassische sog. KPIs, Key-Performance-Indicators dazu, den Wert der IT zu messen. KPIs können in verschiedene Gruppen klassifiziert werden, deren Kennzahlen dann in einer Unternehmens-Scorecard oder einer Balanced-Scorecard aufgenommen werden, so z. B.:

  • Allgemeine KPIs
  • Projektbezogene KPIs
  • Desktop-/Hardwarebezogne KPIs
  • Anwendungsbezogene KPIs
  • Infrastrukturbezogene KPIs
  • Support-/Wartungsbezogene KPIs
  • Prozessbezogene KPIs

Ich möchte hier nur einige Kennzahlen für KPIs aufzählen: IT-Kosten pro Umsatz, IT-Kosten pro Mitarbeiter, Projektentwicklungskosten pro Anwender, Softwarelizenzkosten pro User, Projektkosten externes Personal pro Anwender, Hardwarekosten in % der IT-Gesamtkosten, Softwarekosten in % der IT-Gesamtkosten, usw. usf. Soweit die klassische Management- oder BWL-Sicht. Ich habe bewusst den bereits bekannten, klassischen Raum markiert, um zu zeigen was die Kybernetische Sicht nicht ist. Mit der Kybernetik als META-Disziplin, schaue ich auch aus einer META-Sicht auf den Wert der IT, dem IT-Value. Die kybernetische „Metasicht“ auf den IT-Value soll ja neue Erkenntnisse und Neues hervorbringen. Die erste Frage die in mir aufsteigt, ist, „Wozu messen wir diese (klassischen) Zahlen?“. Eine nahe liegende Antwort auf diese Frage könnte sein: „Um die IT-Kosten zu optimieren bzw. zu reduzieren“. Diese Frage haben wir in der Vergangenheit schon öfter beantwortet, Stichworte Outsourcing, Offshoring und Nearshoring. Der Wunsch nach der Rationalisierung von Industrien mit Hilfe der IT betrifft jetzt die IT selbst. Was einst ein „Tool“ zum Rationalisieren für Industrien war, wird jetzt als Tool auf sich selbst angewendet, um die IT selbst zu rationalisieren. Übrigens ist das ein kybernetischer Prozess der hier abläuft. Aber: mein „Bauchgefühl“ signalisiert mir, da gibt es noch eine andere, verborgene Antwort. Vielleicht muss ich dafür den IT-Value anders hinterfragen, um die Antwort herauszukitzeln. Wie wäre es z.B. mit folgenden Fragen:

  1. Können wir Kybernetische KPIs (KKPIs) ermitteln, mit den wir Kybernetische Werte oder Paradigmen wahr-nehmen können, zugunsten der Unternehmenslenkung?
  2. Welchen Sinn außer Rationalisierung und Effizientsteigerung hat die IT noch? Können wir daraus Werte ableiten und können wir diese mittels KKPIs wahr-nehmen?
  3. Können uns die bestehenden KPIs des klassichen IT-Controllings evtl. noch mehr offen legen? Können wir mit den klassischen KPIs Dinge sehen, die wir noch nicht gesehen haben? Können wir die bestehenden KPIs als Sensoren utilisieren, um Kybernetische Werte wahr-zu-nehmen?

Man merkt vielleicht schon, dass ich langsam in eine eher Kybernetische Terminologie einsteige, ich benutze z.B. das Wort wahr-nehmen, statt messen und Sensorik statt Metrik. Dies liegt u.a. daran, das ich, als Kybernetiker ein Unternehmen als autopoietisches System verstehe. Ein System, welches sich selbst organisiert und nicht kontrollierbar ist, auch wenn das der eine oder andere Manager vielleicht nicht so gerne liest. Arbeitsprozesse, Menschen etc. sind steuerbar, lenkbar, aber nicht kontrollierbar (im Sinne des Wortgebrauchs “Absolute Kontrolle” und nicht eines kybernetischen Regelkreises). Ein Unternehmen besteht für mich im Wesentlichen aus einem Netz von Menschen, die nach wie vor die entscheidende Rolle spielen, eine Vernetzung analoger Prozessoren sozusagen, die durch ihr Wirken mehr als die Summe ihrer Einzelteile sind (Begriff der Emergenz). Ein solches System, ein System das Menschen vernetzt, hat den Drang die Überlebensfähigkeit zu erhalten und versucht permanent am Markt zu bestehen. Der Markt selbst besteht ebenfalls aus solchen Systemen. Zusätzlich verändern sich Systeme, was der schnelllebige Markt heute eindrucksvoll zeigt. Nehmen wir zwei ganz simple Beispiele aus der Telekommunikationsindustrie: T-Mobile/E-Plus/O2/Vodafone und T-Com/1und1:

  1. E-Plus und O2 können als kleinere Unternehmen flexibler sein, als der Konzern T-Mobile. Mit dieser Flexibilität und Agilität können Sie ihre Prozesse schneller anpassen und schneller reagieren. E-Plus z.B. hatte mit dem Tochterunternehmen BASE sehr schnell eine Handyflat am Start, simple, einfach, günstig. Das Konzept mit dem Homezonebereich gab es bei O2. Auf solche Marktveränderungen muss auch T-Mobile reagieren. Ein Produkt der T-Mobile: T-Mobile@Home. Um so etwas umzusetzen muss ein Unternehmen enorme Veränderungen vollbringen: Das Rechnungswesen muss angepasst werden auf die neuen Tarife, die Tarife müssen durch das Marketing/PR kommuniziert werden, der Webauftritt für die Abfrage des Homezonebereiches muss entwickelt werden, die Kundenberater in den Callcentern müssen über IT-Systeme Zugriff auf die neuen Strukturen und die neuen Produkte bekommen usw. usf. 
  2. Mindestens so komplex sind die Veränderungsprozesse welche Unternehmen vollziehen müssen, um den Wandel von der Festnetztelefonie zur IP-Telefonie zu bestehen. Welche Federn in Bezug Personalressourcen die T-Com lassen musste, weil kleinere, flexiblere Unternehmen mit solchen Produkten eher am Start waren, lassen sich durch die Börsennachrichten ablesen. 

Aus diesen beiden Beispielen geht eine essentielle Fähigkeit hervor, die typisch für ein kybernetisches, autopoietisches System ist: Die Anpassungsfähigkeit eines Systems, hier die Anpassungsfähigkeit des Systems Unternehmen an seine Umwelt. Und hier spielt die IT eine besondere Rolle. Den ersten neuen IT-Value, den ersten neuen kybernetischen IT-Value möchte ich hiermit vorschlagen. Die Anpassungsfähigkeit der IT wird künftig eine entscheidende Bedeutung haben, wenn es um den Erfolg von Unternehmen geht, die sich schnell an die sich schnell verändernde Umgebung anpassen müssen. Der MIT-Value und Kybernetikarkt hat eine Wirkung auf ein Unternehmen, definiert Anforderungen an das Unternehmen. Hier ist die Frage, wie schnell ein Unternehmen diese Anforderungen (Kundenwünsche) bedienen kann. Wie lange braucht ein Unternehmen, um sich zu verändern, um wiederum die Kundenwünsche bedienen zu können. Meistens ist dies mit Änderungen an den IT-Systemen verbunden. Demnach schlage ich als kybernetischen IT-Value die „Anpassungsfähigkeit der IT“ vor. Die Frage ist nur, wie kann ich meine Sensorik aufbauen, um die Anpassungsfähigkeit meiner IT wahr-zu-nehmen? Dies könnte z.B. durch durchschnittliche Projektlaufzeiten ermittelt werden können. Hier könnte man eine entsprechende Sensorik aufbauen, um Projektlaufzeiten zu ermitteln, den Grad von Kommunikationsreibungsverluste, z.B. über die Anzahl der Meetings usw. usf. Damit sich ein System an seine Umwelt anpassen kann, ist die Wahrnehmungsfähigkeit ein weiterer Aspekt. Hier komme ich nun auf die Sensorik zu sprechen. Der zweite kybernetische IT-Value, den ich vorschlagen möchte, ist die durch IT befähigte Wahrnehmung des Marktes, damit sich ein Unternehmen an die Marktanforderungen anpassen kann. Im Prinzip ein einfacher Kybernetischer Regelkreis: (1) Wahrnehmung (2) Ermittlung einer Abweichung (3) Anpassung usw.. Alle Instrumente der IT, ob Data-Mining, Datawarehouse, OLAP, Business-Intelligence, Reportingtools usw. zähle ich hier dazu. Im ersten Schritt könnte man das Verhältnis von IT-Wahrnehmungs-Peripherie und Rest der IT bestimmen. Wieviel Prozent meiner IT verwende ich für Marktwahrnehmung und wieviel Prozent meiner IT dient für andere Zwecke, um z.B. am Markt zu handeln zum Kunden hin? Als erstes könnte man dies über die IT-Kosten wahrnehmen. Dies sagt jedoch wenig über die Wahrnehmungsqualität der IT aus. Vor einigen Jahren gestand mir ein Manager, dass er innerhalb kürzester Zeit viele Millionen Euro durch Data-Mining, Datawarehouse und OLAP-Projekte in wahrsten Sinne des Wortes verbrannt hat. Hier wäre z.B. interessant zu hinterfragen, wie viele strategische Managemententscheidungen werden mittels IT-Wahrnehmungs-Peripherie abgeleitet?

Hiermit möchte ich zwei neue (kyberneische) IT-Values zusammenfassend vorschlagen:

  1. Anpassungsfähigkeit der IT
  2. Wahrnehmungsfähigkeit der IT